Potenziale für Pioniere

Die Baustelle: Welche Projekte entwickeln sich im Quartier? Wo gibt es schon Alltag in der Europacity?

Wer heute einen Rundgang durch das Gebiet der Europacity unternimmt, erhält einen Ausblick auf die städtebauliche Zukunft des Areals rund um den Berliner Hauptbahnhof – eine Zukunft, die sich baulich in unterschiedlichen Stadien abzeichnet. Und doch ist vieles bereits Gegenwart. Aus der Brache formt sich ein Stück Stadt und aus Ödnis wird Urbanität.

Die vorderste Reihe des künftigen Stadtquartiers hat sich – auch wenn sie noch durch weitere Hochhäuser ergänzt wird – bereits in die Silhouette der Hauptstadt eingeschrieben. Als Landmarks ragen der Tour Total und das 50Hertz-Gebäude in den Himmel, beide mit eindrucksvollen Fassaden, die ganz unterschiedlich gestaltet sind. Dazwischen eilen die Menschen umher, streben dem Bahnhof oder der modernen Tram-Haltestelle zu. Besucher des Museums der Gegenwart im Hamburger Bahnhof mischen sich mit Hotelgästen aus aller Herren Länder und natürlich den zahlreichen Angestellten, die hier bereits ihrer Arbeit nachgehen. Dazwischen rollen immer wieder Umzugswagen.

Hat man dieses quirlige Treiben an der Invaliden- und Heidestraße hinter sich gelassen und tritt in östlicher Richtung in das Quartier ein, ändert sich schlagartig das Bild. Hier am KunstCampus ist ein wunderschöner, mit Rasenflächen und Birken begrünter Platz entstanden. Für die Fußgängerbereiche wurde das alte Pflaster verwendet. Am Platz sind gerade die ersten Bewohner eingezogen und ein erstes Restaurant ist hier direkt am Spandauer Schifffahrtskanal eröffnet worden – zum Wohle der zahlreichen Büroangestellten.

Der erfahrene Gastronom Reinhard Bär ist sich seiner Rolle als Pionier im Quartier bewusst. Vorerst lebt das Restaurant noch vom Mittagsgeschäft, aber nicht mehr lange, da ist er sich sicher: „Ich habe hier alles auf eine Karte gesetzt und bin zuversichtlich, dass das Restaurant in dieser tollen Lage funktionieren wird, auch abends.“

Mittags bewegt sich schon jetzt eine hungrige Karawane von den Bürohäusern zum Restaurant. Menschen in Anzügen und Kostümen oder auch in Jeans und Pullovern. Zu den Stammgästen zählen die Angestellten des Tour Total, des Monnet 4,­ des 50Hertz-Gebäudes, aber auch die Kreativen der Architekturbüros. Man isst und trifft sich bei Reinhard Bär, der Gastronom ist mit vielen per Du und die Küche ist zwischen 12 und 14 Uhr vermutlich der geschäftigste Ort im ganzen Quartier. 80 Innen- und genauso viele Außenplätze beherbergt das Restaurant: Zur Mittagszeit ist auch der letzte Stuhl besetzt.

Wenige Meter weiter nördlich ändert sich das Bild erneut. Absperrbänder, Sandhaufen, Raupen und Transporter – und vor allem viele Kräne am Himmel, die beim Blick nach Südosten perspektivisch den Fernsehturm einzurahmen scheinen. Eine riesige Baustelle mitten in Berlin.

„Ich habe hier alles auf eine Karte gesetzt und bin zuversichtlich, dass das Restaurant in dieser tollen Lage funktionieren wird, mittelfristig auch am Abend.“

Reinhard Bär, Restaurant Reinhard Bär

Zurück an der Heidestraße lässt sich schon der künftige Boulevardcharakter der Magistrale erahnen. Beidseitig flankieren breite, baumbestandene Fußgängerwege die Straße und die Fahrbahnen sind nun durch einen Grünstreifen geteilt. Östlich erheben sich bereits – noch als eingerüstete Rohbauten – die ersten Gebäude an der Straßenkante: so zum Beispiel das Büro- und Apothekerhaus auf der Höhe der Rieckhallen und direkt anschließend das Bürohaus MY.B. Auch das Wohn- und Geschäftshaus der Ditting GmbH & Co. KG nimmt schon deutlich Form an. Weiter nördlich dann dünnt sich die Europacity heute noch merklich aus. Aber auch hier haben die Bauarbeiten bereits begonnen. Im Auftrag der Adler Real Estate AG entwickelt hier die KAURI CAB direkt am Ufer des Kanals das Wohnquartier Wasserstadt Mitte. Zu diesem Ensemble gehört auch der historische Kornversuchsspeicher, der mit seiner roten Backsteinfassade einen weithin sichtbaren Anziehungspunkt markiert. Und dort ist schon Leben eingezogen: Mit Ausstellungen und Veranstaltungen wird das Gebäude in den kommenden Monaten von bildenden Künstlern verschiedenster Sparten bespielt – ein neuer Fixpunkt für die Kulturszene der Stadt.

1898 fertiggestellt, diente der Bau nicht nur der Versorgung der um die Jahrhundertwende stark angewachsenen Berliner Bevölkerung. Hier wurden auch Methoden der Kornspeicherung wissenschaftlich erprobt. Das Haus, dessen Innenkonstruktion bei einem Umbau 1915 als damals hochmoderner Stahlskelettbau errichtet wurde, steht heute unter Denkmalschutz. Als Teil des neu entstehenden Quartiers wird die KAURI CAB den Speicher dann aber ab Ende Juni umbauen lassen. Die oberen Etagen sollen künftig für Büronutzung zur Verfügung stehen; das Erdgeschoss wird nach derzeitigem Planungsstand weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

Auf der anderen Seite der Heidestraße braucht es heute noch deutlich mehr Fantasie. Sand prägt derzeit das Bild, doch schon bald werden auch hier die ersten Gebäude Gestalt annehmen. Im November letzten Jahres war Baustart für das hier geplante Stadtviertel Quartier Heidestrasse. Den Anfang macht QH Core – ein Mischgebiet mit großem Nahversorgungszentrum, dem künftigen Herz des Viertels. Wo derzeit noch Aushub und Bagger das Bild bestimmen, sollen sich in naher Zukunft die Menschen der Europacity beim Shoppen und Flanieren begegnen, vor Cafés in der Sonne sitzen oder ihre Mittagspause in einem der neuen Restaurants genießen.

Je deutlicher nun die Planungen gebaute Realität werden, desto mehr Architekturinteressierte zieht es zu einer Entdeckungsreise durch die Europacity. Hobbyfotografen halten jede Veränderung fest, Spaziergänger aus den angrenzenden Kiezen versuchen sich mit Planungsbildern und Google Maps zu verorten. Wer sich beruflich mit Architektur und Stadtplanung beschäftigt, hat weniger Probleme, sich das fertige Stadtbild schon heute vorzustellen. Eike Becker zum Beispiel. Er leitet das gleichnamige Architekturbüro, mit dem er sich vor zwei Jahren mit seinen 55 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im 15. Stock des Tour Total niedergelassen hat. „Wir schauen nach Osten, Süden und Westen, die Aussicht ist grandios, jeden Tag wieder“, sagt er. Vor dem Unfertigen hat der Planer keine Scheu: „Als wir kamen, gab es hier nahezu gar nichts. Aber wir fühlen uns immer an Stellen wohl, an denen sich Berlin neu formiert.“ Anstöße für die eigene Entwurfsarbeit gebe es mitten in der Stadt: „Zu sehen wie Dinge gelingen oder auch einmal weniger gut gelingen, das zeigt immer wieder Wirkung, das hilft, die eigene Position kontinuierlich zu überprüfen.“

Wenn Eike Becker nach Westen aus dem Fenster schaut, blickt er auf eine Kuriosität im Bild der Europacity. Fast direkt zu den Füßen des Tour Total steht nämlich an der westlichen Kante der Heidestraße noch eine Häuserzeile mit Altbauten, hinter denen sich teilweise verwinkelte Gewerbehöfe erstrecken. Über viele Jahre waren sie ein winziges Stück Urbanität in der Brache, denn östlich befand sich lange ein Niemandsland, das vom Schatten der Berliner Mauer dominiert wurde, und westlich lagen die Gleise der Bahn. Dennoch ist hier eine bunte und lebendige Mischung entstanden: Kleine produzierende Betriebe, Künstler­ateliers, Architekturbüros, eine Tanzschule und eine Billard-Bar haben hier ihr Zuhause gefunden. Mit der Europacity erhalten diese Pioniere nun unvermutet neue Nachbarn und ein städtisches Umfeld. Für die kleine Patisserie Ben & Bellchen ist das ein Glücksfall. Im vergangenen Herbst haben sich Isabel und Benjamin Hoffmeier in der Heidestraße 54 eingemietet. Seither beobachten sie mit Interesse, was im neuen Quartier vor sich geht. „Jeden Tag sind die Veränderungen vor unserer Haustür sichtbar. Wir freuen uns, wenn hier das Leben einzieht und wir neue Nachbarn bekommen“, sagt Benjamin Hoffmeier. Ben & Bellchen stellen in ihrer Manufaktur vor allem kleine Feinbackwaren her, die individuell gebrandet und personalisiert werden können, sogenannte Cake Pops am Stiel oder auch bunte Cupcakes. Die Kreationen in Rosa und anderen Pastellfarben sind in der Backstube aufgereiht und wirken auch im Eingangsbereich appetitanregend. Bald wird es einen kleinen Ladenverkauf vor Ort geben. Die vielen Firmen, die nach und nach die Europacity besiedeln, könnten einmal Kunden von Ben & Bellchen werden und sind schon aus diesem Grund willkommene Nachbarn.