Der Charme der städt-ischen 
Mischung

Innerstädtische Brachen mit großer Zukunft sind Projektionsflächen für Hoffnungen und Besorgnisse. Welche Art Stadt kann hier entstehen? Wir blicken auf das Areal der Europacity, wie es sich heute präsentiert, und schauen auf Beispiele für Quartiersentwicklungen an anderen Orten.

Wer lange nicht mehr im Gebiet um den Hauptbahnhof unterwegs war, erkennt das Areal der Europacity nicht wieder: Bürogebäude sind fertig, Wohnhäuser im Bau, Großprojekte in Planung. Ob sich daraus ein wirklich urbanes Viertel entwickelt, wird die Zukunft zeigen.
Moment mal. Wo genau stand schon wieder die schmucklose Halle von „Mitte Meer“, wo die von mediterraner Sehnsucht geplagten Berlinerinnen und Berliner frischen Fisch und spanisches Olivenöl zu kaufen pflegten? Und die eine Zeitlang so angesagte Kombination aus Strandbar und Grillrestaurant – die muss doch auch irgendwo in dieser Ecke gewesen sein. Wie gut, dass wenigstens Boels noch da ist, die Baumaschinenvermietung in der Heidestraße.
Ansonsten hat sich fast alles verändert für jemanden, der einige Jahre nicht mehr dort war, wo jetzt die Europacity entsteht. Und vielleicht immer noch die abfälligen Äußerungen im Ohr hat, die nach der Eröffnung des Hauptbahnhofs im Jahr 2006 in großer Zahl zu hören waren. In der sibirischen Steppe wähnte sich zum Beispiel Bahnhofsarchitekt Meinhard von Gerkan, während sich sein Kollege Hans Kollhoff an Ulan Bator erinnert fühlte und über eine „Wüste“ schimpfte, „in der alles beziehungslos herumsteht“.

Von einer Wüste kann heute nicht mehr die Rede sein. Ein neues Hotelgebäude beherbergt die Häuser zweier unterschiedlicher Hotelmarken. Dahinter ragt der Tour Total, der 2012 als erstes Gebäude in der Europacity fertig wurde, 69 Meter in die Höhe. Weitere Bürogebäude sind entstanden oder im Bau: für das Ingenieurbüro Basler etwa, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Vor allem der ambitionierte Neubau der Netzgesellschaft 50Hertz straft all diejenigen Lügen, die prophezeiten, in der Europacity würde nur langweilige Standard- und Kommerzarchitektur entstehen.
Sogar das erste Wohngebäude, der KunstCampus direkt am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, ist fertig. Auch die perfekt ausgebaute Heidestraße zeugt vom Aufbruch. Wenn man ihr Richtung Norden folgt, begibt man sich auf eine Entdeckungstour von der Vergangenheit in die Zukunft. Linkerhand stehen noch immer die schmucklosen Gründerzeitbauten, die allen Umwälzungen seit der Wende trotzten – obwohl: Sind da nicht gerade die Fenster in einem dieser Häuser ausgetauscht worden? Weiter nördlich erstreckt sich die Brache zwischen Heidestraße und Bahntrasse, wo jetzt die Planung für das Quartier Heidestraße Gestalt annimmt. Früher wirkte die Brache nicht so riesig wie heute – vielleicht deshalb, weil sich jetzt auf der östlichen Seite der Heidestraße die Kräne drehen und sich im Baufeld 10 erste Mietwohnungsblocks von Ditting Bau/Quantum der Fertigstellung nähern. Das lässt die Dimensionen deutlicher zutage treten.
Kann es wirklich sein, dass man sich hier mitten im Zentrum der deutschen Hauptstadt befindet? Linkerhand bricht ein einsames Baufahrzeug den Betonboden der ehemaligen Bahnanlagen auf. Rechterhand tut unverdrossen eine Tankstelle ihre Pflicht, während zwei neue Stichstraßen, von frisch gepflanzten Bäumchen gesäumt, zum Kanal führen. Und irgendwo stehen zwei orangefarbene Baucontainer der Buwog AG, die hier bald ebenfalls eine Wohnanlage errichten wird. „Glücklich wohnen“ steht darauf.

Das alles erinnert an die Neunzigerjahre. An die Zeit, als in Berlin, der aus zwei Hälften zusammengeworfenen Hauptstadt, fast alles möglich schien. Als am Potsdamer Platz die Baumaschinen auffuhren, als Daniel Barenboim mit dem Ballett der Kräne Berliner und Touristen begeisterte und als am Checkpoint Charlie die ersten Bürogebäude in die Höhe wuchsen. Niemand konnte damals genau sagen, wie es mit der deutschen Hauptstadt weitergehen würde – und genau deshalb dienten die riesigen Brachen als Projektionsflächen für Hoffnungen und Ängste.

Urbanität ist das Ziel. Entscheidend dafür ist eine Nutzungsmischung, die einen Austausch unter den Menschen begünstigt und ein Viertel so spannend macht, dass man es immer wieder gern besucht.

Gut 20 Jahre später hat Berlin Konturen gewonnen und ist zu einer (fast) normalen Großstadt geworden. Auch in der Europacity ist längst nicht mehr alles offen und unbestimmt. Noch nicht beantwortet ist aber die entscheidende Frage: Wird es gelingen, an diesem so zentral gelegenen Ort Urbanität zu schaffen? Oder wird es auf Dauer eine Ansammlung von Häusern werden, in denen zwar gewohnt und gearbeitet wird, zwischen denen sich aber kein städtisches Leben abspielt?
Es ist dies eine Frage, die sich auch andere deutsche Städte stellen. Und die Antwort darauf ist – theoretisch zumindest – klar: Heute sollen keine reinen Büroviertel mehr entstehen, wie sie beispielsweise in Frankfurt am Main in den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts wuchsen, und keine ausschließlichen Wohnsiedlungen ohne ausreichende Infrastruktur, wie sie allenthalben im Zuge des sozialen Wohnungsbaus an den Stadträndern hochgezogen wurden.
Selbst institutionelle Immobilieninvestoren wie Pensionskassen und Fondsgesellschaften, die noch vor wenigen Jahren bevorzugt reine Einzelhandels- oder Büroimmobilien erwarben, haben den Charme gemischt genutzter Quartiere entdeckt. Dieses Anliegen hat auch die Bundespolitik aufgenommen, indem sie in diesem Jahr mit dem Urbanen Gebiet einen neuen Gebietstypus im Baugesetzbuch geschaffen hat, der sich durch weniger strenge Lärmvorschriften auszeichnet und damit das Nebeneinander von Wohnen, Gewerbe und anderen Nutzungen erleichtern soll.

Urbanität ist also das Ziel. Entscheidend dafür ist eine Nutzungsmischung, die einen Austausch unter den Menschen begünstigt und ein Viertel so spannend macht, dass man es immer wieder gern besucht – unabhängig davon, ob man dort arbeitet oder wohnt. Dafür sind die Voraussetzungen in der Europacity mit ihren unterschiedlichen Nutzungen nicht schlecht. Wenn eines Tages rund um die Heidestraße Tausende von Menschen wohnen, werden Einzelhändler und Cafébetreiber ihre Geschäftschance erkennen. Das wäre doch was: eine Europacity, in der die Heidestraße tatsächlich ein Boulevard mit promenierenden Fußgängern ist, eine Europacity, in der kleine Läden zum Stöbern einladen, Eltern im Café sitzen und ihre Kinder auf dem Stadtplatz spielen.
Gewiss, die kritischen Stimmen werden so schnell nicht verstummen. Doch woher wissen die Kritiker eigentlich, dass sich in der Europacity nie ein urbanes Leben und nie eine inspirierende Mischung etablieren werden? Stadt ist, bei aller gebotenen Sorgfalt für Stadtplanung und Architektur, nie bis ins Letzte planbar. Denn letztlich wird Stadt von Menschen gemacht, die sich städtische Räume aneignen und sich in ihnen zuhause fühlen.
Was steht noch einmal auf den orangefarbenen Baucontainern zwischen Heidestraße und Kanal? „Glücklich wohnen“. Ein großes Ziel, für das hart zu arbeiten sich lohnt.