Erst im Betrieb zeigt sich die Qualität

Der Architekt und Stadtplaner Rainer Nagel ist seit 2013 Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Zuvor hat er als Abteilungsleiter der Bereiche Stadtentwicklung, Stadt- und Freiraumplanung in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung den Masterplan für die Europacity auf den Weg gebracht. Auch in der Geschäftsleitung der HafenCity Hamburg GmbH hat er umfassende Erfahrungen auf dem Feld der Quartiersplanung gesammelt. 
Da Sie der Bundesstiftung Baukultur vorstehen, lautet unsere erste Frage natürlich: Wie verstehen Sie den Begriff Bau­kultur?

Im landläufigen Sinn setzen viele Menschen den Begriff mit Ästhetik gleich. Aber wir meinen mit Baukultur mehr. Es geht um eine qualifizierende Haltung, um eine Prozesskultur, wie sie auch im Fall der Europacity in Gang gesetzt wurde: Zunächst mit einer vorausschauenden Entwicklungsplanung, dann mit einem konkreten Konzept, in der nächsten Stufe mit der Realisierung der Einzelarchitekturen und am Ende steht dann der dauerhafte Betrieb. All dies muss so gestaltet werden, dass aus einem neuen Quartier „normale Stadt“ wird. 

Fangen wir beim Anfang an: Wurden die richtigen Weichen gestellt, damit dies geschehen kann?

Der Rahmen wurde gut gesetzt. Die weitgehend geschlossenen Blöcke des Quartiers schaffen Räume, die Privates und Öffentliches voneinander trennen und die Orientierung erleichtern. Auf dem schmalen, beidseitig begrenzten Grundstück wurde durch eine geschickte Anordnung von Straßen und Baufeldern eine Tiefe geschaffen, die wirklich einen Stadtteil entstehen lässt, der auch von Ost nach West durchquerbar ist. Das Konzept lebt von der Qualität der öffentlichen Räume, der Durchwegungen, Promenaden und grünen Freiräume.

Noch ist vieles nicht gebaut, insofern ist die Europacity ein Versprechen. Wie wird das Quartier am Ende zur normalen Stadt werden, wie Sie sagen, wie wird es Identität und Charakter erlangen?

Aus meiner Sicht ist entscheidend, dass sich Identität, Charakter und Milieu erst im Betrieb herausbilden. Das muss aber rechtzeitig unterstützt werden durch ein Quartiersmanagement, durch Veranstaltungen, soziale Orte und Strukturen wie etwa Vereine, wie ich es als Planungsbeteiligter in der HafenCity erlebt habe. Hat man frühzeitig solche Strukturen, so wirkt sich das wieder auf das Entwicklungsgeschehen aus, denn dies vollzieht sich ja phasenweise.

Welche Rolle spielt die Ansiedlung von Gewerbe für ein lebendiges Quartier, vor allem in den Erdgeschossen?

Hier kann man wunderbar Dienstleistung, Gastronomie, soziale, kulturelle und Bildungsangebote unterbringen. Sie schaffen Signale, dass im Quartier Leben ist. Eine 15-Euro-Miete für eine kulturelle Ateliernutzung muss natürlich querfinanziert werden durch Geld, das man in den Geschossen weiter oben verdient. Werden die Erdgeschosse zu teuren Handelsobjekten, hat es die Stadt in ihrer Vielfalt schwerer. Aber wie gesagt: Schon zu Anfang gilt es, Lebenszeichen zu produzieren, die auch bei künftigen Nutzern eine positive Erwartungshaltung fördern. 

Wo in der Europacity gibt es bereits normales Leben, mag das Quartier in seiner Gesamtheit auch noch nicht auf Betriebstemperatur laufen?

Der Platz um und vor dem KunstCampus ist in einem ersten Schritt bereits zu einer Adresse geworden. Die Grün­fläche ist gut gelungen, es gibt Gastronomie und es gibt die Promenade – in diesem Raum hält man sich gern auf. Wenn man Bilder wie diese mehr propagiert und sagt, da wollen wir hin, hier binden wir z. B. auch unser Veranstaltungsmanagement an, dann kann man für den Stadtteil auch eine positive Stimmung erzeugen.