Inspiration für freies Denken

Für den Umzug in die Europacity hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ein neues, fexibles Office-Konzept eingeführt. Im März ziehen die Mitarbeiter in den fertiggestellten Neubau an der Heidestraße.

Die schlanken Birkenstämme mit ihrer weißen Rinde stehen mitten im Büro, daneben zwei Meter hohe immergrüne Pflanzen. Für ein angenehmes Raumgefühl sorgen außerdem große Palmen. Die Schreibtische sind zwischen ihnen fast unsichtbar. Was wie ein botanischer Garten wirkt und den Namen Green Garden trägt, gehört zu der neuen Arbeitswelt, die die KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in der Europacity eingerichtet hat. Seit einem Jahr belegt die KPMG eine Etage im Bürogebäude Monnet 4 neben dem Tour Total, um ihr neues Office-Konzept zu testen und zu optimieren. Nach diesem Konzept wird jetzt das von CA Immo erbaute neue KPMG-Gebäude an der Heidestraße eingerichtet. Im April beginnt dort der Betrieb, etwa 1.000 Mitarbeiter aus den Bereichen IT, Human Resources und Finance werden hier künftig angesiedelt sein.

„Es fühlt sich für uns wie eine Anreise in die Europacity an, ein Ankommen“, sagt Frank Wiethoff, der Regionalvorstand Ost bei KPMG. Mit den neuen Gebäuden, den Anrainern und Bewohnern werde sich das Flair eines innerstädtischen Viertels mit viel Lebendigkeit und gastronomischen Angeboten entwickeln, ist er überzeugt. Den Standort in der Europacity hat KPMG wegen der prominenten und zentralen Lage sowie der sehr guten Verkehrsanbindung gewählt. Nirgendwo anders in der Hauptstadt konnte aktuell ein derart großes Bürohaus mit 12.000 Quad­ratmetern Fläche in vergleichbarer Lage errichtet werden. Durch den Neubau kann KPMG ihre acht Standorte in Berlin nun auf vier reduzieren. „Das Gebiet rings um den Hauptbahnhof hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt“, sagt Frank Wiethoff.

Entwickelt hat sich auch die heutige Arbeitswelt. Sie ist digitaler geworden. Unternehmen müssen weitaus flexibler sein als bisher, um auf den Markt und die vielfältigen Aufgabenstellungen schnell reagieren zu können. Vielfach arbeiten bei KPMG mehrere Kollegen an einem Projekt und in einem Team zusammen. Je nach Thema wechseln die Zusammensetzungen der Teams. „Der Kommunikationsaustausch ist in den letzten zehn Jahren viel umfangreicher geworden. Außerdem sind unsere Wirtschaftsprüfer, Berater und Steuerberater viel unterwegs – sie sind immer mobil, auch mit dem Laptop“, sagt Stefan Kiehn, Head of Corporate Real Estate Management bei KPMG.

Deshalb gibt es in dem neuen Gebäude keine klassischen Büros mehr. Frank Wiethoff erklärt, man habe das Konzept eines festen Arbeitsplatzes für jeden Mitarbeiter aufgegeben, weil inzwischen sehr stark in Projektteams gearbeitet werde. Deshalb ist das ganze Haus sehr offen gestaltet. Doch das Prinzip nur als „Großraumbüro“ zu bezeichnen, wäre verfehlt. Vielmehr sind die Etagen in sogenannte Arbeitswelten aufgeteilt.

Neun verschiedene Zonen schaffen eine Vielfalt an Arbeitsmöglichkeiten. Eine davon ist der Green Garden, der mit grünem Teppichboden ausgelegt ist. Daneben gibt es andere Standardarbeitsplätze mit Gruppen von Zweier- oder Vierertisch-Kombinationen, die in der sogenannten Home Zone an den raumhohen Fensterfronten aufgestellt sind. Die Möbel und Böden haben meist warme und erdige Töne, doch auch Pastellfarben kommen vor. Wer lieber ungestört arbeiten will, nutzt mit seinem Laptop die Quiet Zone, die Ruhezone wie in einer Bibliothek. Hier ist telefonieren verboten. Sensible Mandantengespräche wiederum können in den Office Meets geführt werden. Die Zweier-Arbeitsplätze sind durch eine Glasfront von der übrigen Bürowelt abgeschirmt.

Die Innenraumgestaltung mit Elementen von Innenarchitektur und Design wurde vom Berliner Architekturbüro Kinzo entwickelt, das bereits die Bürowelt in der 50Hertz-Zentrale vis-à-vis entworfen hat. Herzstück jeder Etage ist die mit Parkettboden ausgelegte Kaffeelounge. Hier kann man nicht nur entspannen, sich in der Mikrowelle etwas zu essen zubereiten oder Kaffee trinken, sondern auch arbeiten. Natürlich gibt es WLAN und Steckdosen an den Tresen und Tischen. Beliebt als „alternativer Arbeitsplatz“ sind vor allem die Sitznischen. „Die besten Werke in der Literatur sind in Cafés entstanden. Die Menschen sind in Gemeinschaft besonders kreativ“, sagt Stefan Kiehn.

Die Lounge ist ein Treffpunkt. Hier wird flexibles Arbeiten gelebt, zumal die Kommunikation durch eine angenehme Atmosphäre und den Blick zum Hauptbahnhof angeregt wird. Ja, der gemeinsame Austausch ist geradezu erwünscht, um neue Ideen zu entwickeln und kreativ zu sein. Das gilt auch für die Konferenzräume für Meetings und Projektarbeit, die per Mausklick über ein eigenes System für wenige Stunden, aber auch tageweise gebucht werden können. Wer den Raum jedoch 15 Minuten nach Beginn nicht nutzt oder sich nicht anmeldet, hat Pech. Die Buchung wird aufgehoben, der Raum gilt wieder als frei und kann von anderen Mitarbeitern belegt werden. Ähnliche Office-Konzepte setzt KPMG derzeit auch an den Standorten in Hannover sowie in Dresden um.

Dass ein eher klassisch ausgerichtetes Wirtschaftsunternehmen den altbewährten Bürostandard aufgibt und ein anspruchsvolles Konzept verwirklicht, kommt wenig überraschend. Schon seit Jahren musste KPMG für ihre derzeit 11.500 Mitarbeiter an 25 Standorten in Deutschland immer wieder neue Flächen suchen und hat daher die Nutzung der Büros analysiert. Mit dem Ergebnis: Die durchschnittliche Präsenz der Wirtschaftsprüfer, Berater und Steuerberater an ihren Arbeitsplätzen liegt zwischen 45 und 55 Prozent. Das bedeutet, dass etwa die Hälfte der Schreibtische im Laufe eines Tages unbesetzt ist.

Erschwert wurde die Zusammenarbeit auch, weil es kaum Räume für Teamarbeit gab. „Wir unterliegen einem ständigen Wandel und haben uns auch die internationalen Entwicklungen angesehen. Mit dem Office-Konzept können wir sehr viel flexibler auf die unterschiedlichen Teamanforderungen und die hohe Veränderungsgeschwindigkeit unseres Unternehmens reagieren“, sagt Thomas Löhmer, Partner und Leiter Infrastructure bei KPMG. Insgesamt wird es in dem Haus in der Europacity rund 850 Arbeitsplätze für die 1.000 Mitarbeiter der Zentralen Dienste der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft geben.

„Kreativität ist Wohlfühlen, freies Denken braucht inspirierenden Raum“, sagt auch Frank Wiethoff. Von den Mitarbeitern werde das neue Konzept durchgehend positiv angenommen. Sie suchen sich morgens einen Schreibtisch aus, wechseln am Tage auch mal den Arbeitsplatz oder gehen in ein Meeting, sodass „ihr“ Tisch für andere frei wird. Wo das Konzept schon umgesetzt wurde wie im Monnet 4, berichten die Kollegen, dass sie sich viel öfter treffen und sich auch mit Leuten unterhalten, zu denen sie früher kaum Kontakt hatten – auch mit Führungskräften und den Partnern.

„Die Aufbruchstimmung ist spürbar. Unsere Mitarbeiter haben das Gefühl, sie sind dabei, wenn in der Europacity etwas völlig Neues entsteht“, sagt Frank Wiet­hoff. Coworking hat einen sozialen Effekt, es bringt die Menschen zusammen, und ihre Zusammenarbeit wird über das Fachwissen hinaus befruchtet.

Eigentümerin des Bürohauses an der Heidestraße, das das Baugrundstück lediglich zur Hälfte belegt, ist die österreichische CA Immo. Sie plant auf der anderen Hälfte den Bau eines Hochhauses, das direkt am Europaplatz stehen wird.

„Wer den Hauptbahnhof nach Norden verlässt, wird auf dieses sehr präsente Haus blicken!“

Matthias Schmidt, Leiter Projektentwicklung Deutschland von CA Immo

84 Meter hoch soll das Gebäude sein und damit 15 Meter höher als der Tour Total. Ein Architekturwettbewerb, bei dem auch KPMG im Preisgericht vertreten war, wurde im Frühjahr 2017 entschieden. Errichtet wird das Hochhaus nach dem Entwurf des Büros Allmann Sattler Wappner Architekten aus München.

Laut CA Immo soll Ende 2018 der Bauantrag für das 125 Millionen Euro teure Projekt gestellt werden. Gebaut werden kann aber erst dann, wenn die Deutsche Bahn ihr S-Bahn-Projekt S 21 zum Hauptbahnhof abgeschlossen hat, denn das Hochhaus soll über dem Tunnel errichtet werden. An der Bahntrasse wird derzeit aber noch gebaut. Dennoch appelliert Schmidt an den Berliner Senat, jetzt zügig mit der Planung für den Europaplatz vor dem Hauptbahnhof zu beginnen. Das KPMG-Haus mit dem dann benachbarten Bürohochhaus wird dem Platz eine Fassung geben.