Im Gespräch mit Daniel Festag – Ein Knick mit großer Kraft

Im Gespräch mit Daniel Festag – Ein Knick mit großer Kraft

Im Gespräch mit Daniel Festag, Projektdirektor HENN bei der Planung des Büroneubaus MY.B
in der Europacity

HENN ist ein international tätiges Büro mit Sitzen in München, Berlin und Peking. In Berlin haben die Planer u. a. das neue Zalando-Hauptquartier in Berlin-Friedrichshain entworfen (2019).

MY.B erstreckt sich entlang der Heide­straße über 120 Meter, das ist eine beachtliche Breite. Das Gebäude wirkt aber nicht übermächtig. Wie haben Sie das hinbekommen?

Das Erscheinungsbild des Gebäudes leitet sich aus dem Straßenverlauf ab, der hier einen markanten Knick macht. Wir haben diese Form, diesen Knick, im Grundriss aufgenommen.
Auf diese Weise entsteht ein kleiner Platz, direkt am Haupteingang des Gebäudes. Damit
haben wir ein Allein­stellungsmerkmal geschaffen. Hier können sich Menschen aufhalten,
hier entsteht eine gewisse Weite, die städtebauliche Qualität schafft, entlang der schnöden Hauptverkehrsachse, die den Stadtteil in Nord-Süd-Richtung erschließt.

Und in der Fassade setzt sich das ­Prinzip fort?

Richtig, die Fassade nimmt den Knick im obersten Stockwerk auf und versetzt ihn dann geschossweise abwärts um einige Meter. Der Haupteingang positioniert sich an dieser auffälligen Stelle und entfaltet bei betont zurückhaltender Gestaltung eine große formale Kraft. Was sich vorne zur Straße hin herausstaffelt, staffelt sich dann auf der Rückseite des Gebäudes zurück. So konnten in den Geschossen Terrassen zum Hof gebildet werden. Die Mieter können hinaustreten und sind an der frischen Luft.

Das Spiel der Zwischenräume ergibt
ein dynamisches Bild.

Anspruchsvolle Büromieter wollen keine Standardlösungen. Was haben die Büroräume im Gebäude zu bieten?

Die Mieter sollten ihre Flächen als Einzel-, Kombi- oder Großraumbüros variabel gestalten
und mit Besprechungsräumen ausstatten können. Das erfordert ein Raumprogramm mit unterschiedlichen Bundtiefen. Die Breite der Fenster hängt von der Bundtiefe ab. Beim Fassadenknick werden die Fenster schmaler; hier ist die Raumtiefe am geringsten und der Bedarf an Tageslicht geringer. Zu den Gebäudeecken werden die Fenster wieder breiter, sodass die tieferen Büroräume mehr Tageslicht erhalten. Durch das Spiel der Zwischenräume erhält die Fassade ein dynamisches Bild.

Was macht das Leben der Nutzer im Gebäude leichter? Nennen Sie uns eines Ihrer Lieblingsfeatures.

Zur Heidestraße hin gibt es Fenster, die sich nicht öffnen lassen. Hier ist die ­Fassade so ausgebildet, dass sie Öffnungsklappen mit Schallfilter hat. Der Nutzer kann in seinem Büro
die Öffnungsklappen aufmachen und bekommt eine Frischluftbrise herein. Die anderen Fassadenfenster sind reguläre Drehflügel, die sich öffnen lassen. Und ein anderes Beispiel:
An den markanten Gebäudeecken sind die ­Stützen versetzt angeordnet, sodass keine Stütze direkt in einer Gebäudeecke steht. So gibt es auch an den Ecken durch die raumhohe Glasfassade einen freien Ausblick. Das ist ein tolles Raumgefühl.

Mai 2021 | Magazin #8

Die neue Ausgabe ist da

Drei Architekten dreier ganz unterschiedlicher Gebäude in der Europacity äußern sich zu ihren Projekten und zum Quartier. Weitere Themen im Heft: Der Otto-Weidt-Platz mit neuer Brücke nimmt Gestalt an, und südlich des Hauptbahnhofs regt sich neues Leben. Weiterlesen

Das könnte Sie auch interessieren: