Im Gespräch: Robert Kaltenbrunner

Im Gespräch: Robert Kaltenbrunner

Robert Kaltenbrunner

Interview mit Robert Kaltenbrunner, Leiter der Abteilung Bau- und Wohnungswesen im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung und Mitautor von „Die Stadt der Zukunft“

Herr Kaltenbrunner, welche Qualitäten muss ein Stadtquartier bieten, um die öffentlichen Räume zu beleben?

Die Frage muss man eigentlich umgekehrt stellen: Wie müssen öffentliche Räume beschaffen sein, um lebendige Quartiere zu ermöglichen? Die Menschen sehnen sich nach identitätstiftenden urbanen Räumen, aber die zu planen ist schwer, weil sie erst im Laufe der Zeit durch einen Akt gesellschaftlicher Aneignung entstehen. Man kann nur möglichst viele verschiedene Flächen zur Verfügung stellen. Öffentlicher Raum ist das Rückgrat der Urbanität.

Ist urbanes Kiezgefühl in moderner Architektur überhaupt machbar? Was müssten die Architekten und Entwickler bedenken?

Vor allem braucht es die Einbeziehung der Menschen in die Planung, also: Was wird eigentlich nachgefragt am jeweiligen Ort? Hinzu kommt der Faktor Zeit. Urbane Räume müssen eine gewisse Patina gewinnen, Spuren der Gewohnheiten der Menschen, um als lebendig wahrgenommen zu werden. Der Erfolg planerischer Ideen zeigt sich oft erst in 20 oder 30 Jahren. Moderne Architektur ist dabei kein Problem, aber die städtebauliche Körnung, die meist nicht kleinteilig genug ist. Allzu einheitliche Gestaltung schafft leicht Ablehnung. Wobei man sagen muss, dass die gründerzeitlichen Straßenzüge, die wir heute als besonders kleinteilig wahrnehmen, auf Bildern aus der Zeit ihrer Entstehung auch relativ gleichförmig erscheinen.

Wie stark wirkt sich die Ansiedlung von Einzelhandel auf die Lebendigkeit von Quartieren aus?

Wir müssen davon ausgehen, dass der Ladenverkauf und die damit zusammenhängende Belebung des Straßenbildes perspektivisch weiter geschwächt wird. Das ist problematisch und muss in der Konzeption neuer Quartiere mitgedacht werden. Zur Kompensation sollte man auf andere Flächenkonfigurationen setzen, auf höhere Geschosse zum Beispiel, um flexible Nutzung zu ermöglichen. Die Gesellschaft ist stark genug, um freie Räume zu nutzen, wenn wir die partizipative Ebene stärken und wegkommen von der klaren Festlegung auf Einzelhandel und Büro hier, öffentliche Nutzung mit kulturellen oder sozialen Angeboten dort.

Öffentlicher Raum ist das Rückgrat der Urbanität

Wenn man über die Stadt der Zukunft spricht, kommt man am Begriff Smart City kaum vorbei. Welche Bedeutung haben digitale Innovationen für die Stadt der Zukunft?

Sie spielen eine durchaus wichtige, aber auch ambivalente Rolle. Die technologische Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Hinzu kommt, dass die Covid-19-Pandemie die digitale Teilhabe aller beschleunigt hat. Positiv betrachtet, bringt die Digitalisierung neue Geschäftsformen wie etwa sinnvolle Sharing-Modelle in der Mobilität voran. Negativ gesehen, kann der Begriff Smart City aber auch nur bedeuten, sich die Städte als neuen Megamarkt zu erschließen. Was wir brauchen, ist ein gesellschaftlich abgesicherter Umgang mit den Chancen und Gefahren der Digitalisierung. Eine Kernfrage ist hier der Datenschutz. Dafür gibt es noch immer zu wenig politisches und gesellschaftliches Bewusstsein.

Stichwort Mobilität: Wo geht die Reise der Städte diesbezüglich hin?

Ich finde es gut, dass die einseitige Dominanz der Pkws zunehmend in Frage gestellt wird. Die vorhandenen Verkehrsflächen müssen gerechter aufgeteilt werden. Hierfür bieten Neubauquartiere wie die Europacity natürlich bessere Voraussetzungen als Altbauviertel, weil diese Ebene von Anfang an mitgedacht werden kann. Vor allem müssen wir weg von ideologischen Debatten und Fronten aufbrechen. Es geht nicht darum, für oder gegen Autos zu sein. Das ist nicht hilfreich. Wir brauchen inklusive Mobilitätsstrategien. Auf dem Hipnessfaktor, den etwa E-Roller und Sharing-Dienste derzeit genießen, kann man aufbauen. Der nächste Schritt könnte eine Mobilitätskarte sein, die all diese verschiedenen Fortbewegungsarten inklusive des klassischen öffentlichen Nahverkehrs umfasst und sozusagen Flatrate-Angebote bereitstellt. Hier sehe ich ganz konkrete Chancen der Digitalisierung.

Oktober 2020 | Magazin #7

Die neue Ausgabe ist da

Die einzelnen Ensembles der Europacity wachsen zusammen. Neue Wege und Freiräume sind entstanden, die man schon zu Fuß erkunden kann. Das Europacity Magazin schlägt erste Spaziergänge vor. Außerdem: Ein Interview mit dem Stadtplaner Robert Kaltenbrunner und viele Neuigkeiten aus den Projekten der Europacity. Weiterlesen